Musik

Published on Januar 15th, 2016 | by Toni Forsati

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Fiva Interview

 

Hallo Fiva! Ich hoffe du bist jetzt zum Ende deiner Tour noch gesund und voller Energie – vor allem jetzt bei der umhergehenden Grippewelle.

Fiva: (Lacht) Das ist eine gute Fangfrage. Ich bin leider krank aber dennoch voller Energie. Ich habe die Band-Pest sozusagen als Letzte bekommen. Es wird viel gehustet, aber ich trinke sehr viel Ingwertee. Im Grunde bestehe ich eigentlich nur noch aus Ingwertee (Lacht). Deswegen wird das bald auch aufhören.

Du bist ja am 11.10. auf dem „WIR“ Benefizkonzert aufgetreten. Die Stadt München veranstaltete das Konzert als Dank für die vielen engagierten Helfer während des Flüchtlingansturms am Hauptbahnhof im Sommer 2015. Bei der kostenlosen Benefizveranstaltung waren knapp 25.000 Leute anwesend und es traten u.a. auch Herbert Grönemeyer, die Sportfreunde Stiller, Fettes Brot und Blumentopf auf. Wie war es für dich vor so vielen Menschen aufzutreten (vor allem vor solch einem nicht rein HipHop affinem und sehr durchgemischten Publikum)? Wie war es für dich darüber hinaus in dem Zusammenhang der Flüchtlingsthematik aufzutreten?

Fiva: Also zum musikalischen Aspekt kann ich sagen, dass bei meinen Konzerten sowieso nur selten Leute anwesend sind, die ausschließlich HipHop hören. Ich hatte schon immer ein sehr durchmischtes Publikum, wodurch ich das auf dem WIR Benefizkonzert schon mal gewöhnt war. Hinsichtlich der Publikumsmenge: Vor 25000 Menschen spielt man nicht jeden Tag und ich muss wirklich sagen es war … Mir ist der Atem  gestockt! Das war schon alles extrem unglaublich aber es ging natürlich letztendlich nicht um mich oder meinen Auftritt, sondern darum um Danke zu sagen! Und egal ob ich nun moderiert oder gespielt habe: Es war einfach ein erhabener Moment seine Heimatstadt so zu sehen! Es war einfach ganz toll! Ich bin stolz auf meine Stadt und auf das was hier großartiges geleistet wurde in dieser schwierigen Zeit!

Wie empfindest du die gesamte Flüchtlingsthematik? Ist sie für dich greifbar? Wie kann man sich das Ganze aus den Augen einer kreativen Künstlerin vorstellen, die aus München stammt? Vor Kurzem interviewte ich die Genetikk Jungs, die bekanntlich aus dem Saarland kommen und obwohl die ganze Sache jetzt für sie nicht so präsent ist wie für die Münchner, die jetzt tagtäglich damit konfrontiert werden, weil der Münchner Hauptbahnhof derzeit der Dreh- und Angelpunkt dieser Krise in Deutschland ist, betraf die ganze Sache auch sie in ihrem persönlichen Alltag. Hast du einen persönlichen Bezug zu dem ganzen Flüchtlingsding oder ist es eher ein Thema für dich, was dich eher theoretisch beschäftigt?

Fiva: Nein, ganz im Gegenteil. Es ist natürlich ein Thema, das mich beschäftigt und da ist es natürlich äußerst praktisch in München zu wohnen, da sich hier jeder selbst ein Bild der Lage machen und gegebenenfalls auch sofort helfen kann. Ich bin auch fast jede Woche in Wien und dementsprechend treffe ich da auf beide Angelpunkte. Also für mich ist es erstmal ganz wichtig – egal ob man jetzt selber aktiv mit Flüchtlingen in Kontakt steht oder nicht –  dass man selbst wenn man manchmal Angst hat und sich Sorgen macht, sich dennoch sagt:  „Hey! Angst darf man zwar mal kurz haben aber zum Glück haben wir alle einen Verstand und den setzen wir JETZT alle mal ein und helfen mal Menschen, die kein Heim mehr haben und vor Gewalt und Leid flüchten. Punkt!“. Die fliehen nicht aus Langeweile, so wie einige Medien uns das manchmal darstellen möchten. Mir war es auch wichtig in einer gewissen Art und Weise auch aktiv Hilfe beizusteuern, wenn ich schon nicht am Bahnhof den Helfern tatkräftig unter die Arme greifen kann. So sammeln wir viel Geld auf unseren Konzerten, das wir im Anschluss spenden. Die Gästeliste zum Beispiel kostet Eintritt, so einen kleinen Obolus, bei dem wir sagen: „Liebe Menschen, wenn ihr praktisch schon umsonst reinkommt, dann spendet bitte für die Flüchtlingsprojekte, die wir unterstützen.“. Im Grunde beteiligt sich dann auch jeder daran. Ich selbst mache da auch wahnsinnig viel. Außerdem habe ich so tolle Freundinnen und Freunde, die gemeinnützige Dinge organisieren. Eine Freundin von mir aus Wien hat beispielsweise gerade ein „New Friends“ Ding gegründet und lädt in ihrer Wohnung immer 15 Österreicher und Österreicherinnen und 15 Flüchtlinge ein, damit neue Freundschaften und Kontakte geschlossen werden. So nimmt man den Leuten die Berührungsängste voreinander.  Das sind dann auch die tollsten und unterhaltsamsten Abende überhaupt. Also wir versuchen so viel zu machen wie wir können und das ist nicht einmal ehrenvoll sondern das gehört sich so! Außerdem macht das auch wahnsinnig viel Spaß, weil alle Flüchtlinge, die ich kennen lernen durfte, waren super.

 

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Ein gutes Statement! Es ist mir außerdem eine große Freude dich hier vor mir sitzen zu haben, denn meinen ersten Kontakt mit dir hatte ich 2009 auf dem splash! Festival. Du warst mir vorher nicht wirklich bekannt. Mein damaliger Studienkollege meinte „Hey wir müssen uns unbedingt Fiva anschauen, die ist so krass!“ und ich dachte nur „Ok, keine Ahnung … ich kenn‘ die jetzt nicht so aber mal schauen …“. Festivals sind ja schließlich auch dafür da um auf neue Künstler zu stoßen. Schließlich standen wir dann bei dir vor der idyllischen Bühne am See und du hast mich in solch einem  unbeschreiblichen Ausmaß beeindruckt, dass ich absolut begeistert war. Deine Lyrik in deinen Texten, dein Flow und deine Stimme waren für mich ebenso erstaunlich wie dein sympathisch charismatisches Auftreten auf der Stage, was ich in dieser Art und Weise von einem Rap-Künstler nicht gewohnt war. Das ist mir nach all den Jahren in Erinnerung geblieben. Nimmst du dein Auftreten noch bewusst wahr und erkennst, dass sie auch in deiner Musik mitschwingt? Was machst du, wenn du beispielsweise nicht in Stimmung oder schlecht gelaunt bist? Musst du dich dann auf der Bühne verstellen, weil dein Publikum eine wie die Sonne strahlende Fiva erwarten?

Fiva: Ich nehme mein Auftreten wohl bewusst wahr, aber ich mache mir vor einem Konzert keine Gedanken darüber, wie ich nun rüber kommen will. Der entscheidende Punkt ist aber: Egal wie fertig, müde, traurig oder missgestimmt ich auch mal sein mag: Ich liebe es für die Menschen zu musizieren! Ich liebe das positive Feedback, welches ich zurück bekomme. Schau mich jetzt gerade an: Ich bin krank und weiß, dass ich spätestens auf der Bühne wieder am ganzen Körper Gänsehaut haben werde, wenn die Leute mit mir singen und wir gemeinsam eine schöne Zeit haben. In jenen Momenten bin ich dann einfach nur ich selbst, mit jeder Faser meines Körpers. Da kann ich dann einfach nur Lachen und genieße den Moment mit meiner Band und den lieben Menschen. Ich danke dir auch für die lieben Worte. Es ist mir immer wichtig positiv zu bleiben und das auch nach außen zu tragen – ob nun in meiner Musik oder im Alltag.

Was sind deine nächsten Projekte, über die sich deine Fans freuen können?

Fiva: Also ich schreibe jetzt gerade an einem Buch und hoffe, dass ich jetzt mal demnächst fertig werde. Ich werde mir jetzt hierfür auch 4 Monate lang eine Auszeit nehmen. Das ist mir sehr wichtig. Außerdem mache ich ja auch ganz viel im Fernsehen. Also viele Kultur- oder Theatersendungen auf 3sat oder zdf kultur.  Aber natürlich steht 2016 auch viel Musik für mich an. Ich werde immer mit der Musik weitermachen, egal was für anderweitigen Projekte und Vorlieben ich gerade habe. Kreative Projekte sind Sachen, auf die man gerade Lust hat und die man realisieren mag. Mal werden alte Projekte plötzlich zu aktuellen, weil man gerade jetzt Lust hat sie zu verwirklichen, und die aktuellen werden dann zu alten Projekten, wenn man sie beendet und beschließt sie irgendwann zu gegebener Zeit weiter zu führen. Aber ich hab damals mit Rap angefangen und war so fasziniert, dass ich nicht aufhören kann. Jetzt bin ich Mitte 30 und ich weiß, dass ich niemals mit der Musik, mit Rap, aufhören werde – egal was für andere Projekte ich gerade am Laufen habe. Ich werd halt nicht aufhören und damit hab ich mit abgefunden.

Da du gerade dein aktuelles Buch-Projekt erwähnt hast: ich liebe dein 2007 erschienenes Buch „Klub Karamell“ und blicke erwartungsvoll auf die Veröffentlichung deines neuen Werkes.

Fiva: Ich würde dich gerne als meinen Pressesprecher einkaufen. (Lacht)

Ich kenne persönlich sehr, sehr viele Leute (insbesondere alte Studienkollegen von der Uni), die gerade wegen „Klub Karamell“ anfingen bei Poetry Slams mitzumachen – mich mit eingeschlossen! Vielen war die Poetry Slammerei nicht bekannt und über deine Musik kamen viele damit in Kontakt – wie ich 2009 nach dem Splash.  Was kann man dahingehend demnächst von dir erwarten? Trittst du mal wieder bei Poetry Slams auf? Aber vor allem: Wann erscheint dein Buch? 

 

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Fiva: Das Buch wird im Laufe des Jahres erscheinen. Es wird ein Roman, wofür es auch viele Lesungen geben wird. Poetry Slams mache ich jetzt erstmal weniger, aber es ist immer so schön zu sehen, dass es eine ganz junge Szene ist, die sich immer wieder erneuert.  Es kommen immer wieder neue Menschen dazu und wenn ich da etwas tolles entdecke, schaue ich mir das dann lieber als Fan an als selber aufzutreten. 2016 wird man auf jeden Fall einiges von mir hören, aber jetzt kommt erst einmal meine Pause um etwas neues zu erschaffen.

Wo wir jetzt beim Poetry Slam Thema sind: Welche Künstler gefallen dir?

Fiva: Puhhh … Bei den Slammern ist das immer ganz schwierig, weil die ganz jungen kenne ich alle noch nicht, aber ich finde Gabriel Vetter aus der Schweiz beispielsweise absolut großartig! Ich finde Nora Gomringer auch richtig super. Die hat jetzt in Klagenfurth auch den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Alle damligen Poetry Slam Talente sind mittlerweile richtig groß geworden. Es gibt so viele überragende Poetry Slammer, die kann ich alle gar nicht aufzählen, aber aus allen wird ja immer was ganz tolles. Pierre Jarawan aus München  finde ich auch ganz super. Ein wirklich ganz toller Künstler. Das schönste am Slammen ist ja, dass man nicht einmal hingehen und irgendwen kennen muss, sondern man sich immer überraschen lässt und dann geflasht wird. Das macht den Poetry Slam aus.

Wenn ich dich jetzt nochmal auf deine Musik ansprechen darf: Wo wird dein neues Album musikalisch / stilistisch hingehen?

Fiva: Das weiß ich vorher nie. Wir haben jetzt mit der Band mein aktuelles Album gemacht und es war super und es macht richtig viel Spaß jedes einzelne Lied live nochmal neu zu erleben. Aber ich habe wirklich noch keine Ahnung wohin das neue Album gehen wird. Aber das ist der schönste Moment im kreativ werden: Wenn dann gedanklich plötzlich etwas aufklappt und man sich denkt „Krude Idee, aber mal schauen was sich daraus ergibt!“ und dann begibt man sich in diese Richtung, folgt seinen Ideen und Gefühlen und dann wachsen diese Ideen und gedeihen und man hat dann am Ende etwas unvorhersehbar schönes geschaffen.

Also lässt du dich von der Kreativität einfach treiben.

Fiva: Ja genau.

Du setzt dich also vorher nicht mit dem Plan eines Konzeptalbums hin, weil du schon weißt, dass du musikalisch wieder beispielsweise eher oldschooligere Töne einschlagen oder thematisch auf dem Album einen roten Faden verfolgen magst?

Fiva: Der rote Faden ist immer ein Prozess und der entsteht immer im Verlauf des vorhin beschriebenen kreativen Schaffensprozesses. Ich lasse ich meinen Gedanken und meiner Kreativität freien Lauf und erkenne währenddessen, dass ich vielleicht wirklich wieder Lust auf die oldschool Schiene habe und gehe dann den Weg, aber das weiß ich vorher nicht. Im Moment möchte ich einfach nur schreiben, musizieren und schauen was passiert.

Dein letztes, 2014 erschienenes Album „Alles Leuchtet“ hat nun mittlerweile zwei Jahre auf dem Buckel und deine Fans – ob nun die klassischen Rap-Heads oder die Musikliebhaber, die schlicht und ergreifend einfach nur deine Musik mögen – können deine neue Platte kaum erwarten. Das erkennt man auch an deinen ausverkauften Konzerten. Wie hast du deine Tour wahrgenommen?

 

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Fiva: Ich habe jetzt vor der Pause für die Zusatztour sieben Gigs hintereinander gespielt. Die waren allesamt unglaublich, wahnsinnig toll! Wir spielten in richtig vollen Hallen und die Stimmung war auch jedes Mal einfach elektrisierend. Ich hab in den bisher größten Konzerthallen meiner Karriere gespielt und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht! Ich kann jetzt noch nicht einmal sagen wie erstaunt und begeistert ich bin von all dem was passiert ist. Ich lasse das alles erst einmal sacken und dann sage ich dir in einem halben Jahr wie gut alles wirklich war. (Lacht)

Zu deinen vielen Talenten und Projekten zählt auch dein moderatorisches Mitwirken bei fm4, einem der vielleicht coolsten Radiosender Europas.

Fiva: Mit Verlaub: Dem sicher coolsten Radiosender muss ich leider sagen! (Lacht)

Ich höre mir den Sender auf jeden Fall sehr gerne an – sowohl wegen der gut ausgewählten Musik als auch wegen den zahlreichen, äußerst informativen und unterhaltsamen Interviews mit den Künstlern.

Fiva: Du musst wirklich mein Pressesprecher werden! (lacht)

Wird man dich abseits deines kreativen Schaffens mit deinem Buch und deiner Musik auch außerhalb von fm4 oder 3sat als Moderatorin erleben können?

Fiva: Also du kannst mich auf jeden Fall weiterhin im Kulturpalast auf 3sat sehen. Weiterhin werde ich  durch ganz Europa zu den Theaterfestivals reisen und darüber berichten. Das mache ich jetzt schon im vierten Jahr und ich freue mich schon wieder riesig darauf. Wir sind in Trist, in Lyon, in London, in Göteborg, in Utrecht und noch in ganz vielen anderen Städten. 2016 wird noch ganz viel geschehen, auch was die Moderationen angeht. Freut euch darauf! (Lacht)

Ich danke dir Fiva und wünsche dir eine gute Besserung und ein tolles und erfolgreiches Jahr!

Fiva: Vielen Dank!

 

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About the Author

Wer ist nur dieser Toni und was macht er eigentlich hier? Das haben sich mittlerweile bestimmt einige Lehrer, Professoren, Freunde und Kollegen im Laufe der Zeit das eine oder andere Mal gefragt. Ich bin ein leidenschaftlicher Schreiber, Blogger und Podcaster. Ein begeisterter Journalist, Filmkritiker, Poetry-Slammer und der kreative Kopf hinter 30Frames.de , fett oder?



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