Musik

Published on Dezember 21st, 2015 | by Toni Forsati

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Xatar Interview

Interview: Toni Forsati

Fotos: Adrian Martin & Raphael Schmidt

 

Jüngst erschien deine Biografie „Alles oder Nichts – Bei uns sagt man die Welt gehört dir“. Ein  sehr poetischer Titel, insbesondere der Satz „Bei uns sagt man die Welt gehört dir“. Was bedeutet er für dich?

Xatar: Bei mir hat der Satz die Bedeutung, dass wir in einem System aufwachsen, in dem wir manchmal das Gefühl haben, dass wir diesem System gehören und nicht umgekehrt. Wir müssen alles tun, was uns innerhalb dieses Gefüges aufgetragen und vorgeschrieben wird. Aber es gibt Gegenden, in denen die Leute einen anderen Blickwinkel auf dieses System haben. In solch einer Gegend wird einem eine andere Lebensphilosophie und Motivation erklärt, als sie es im allgemeinen Gesellschaftssystem üblich ist. In solch einer Gegend lernt man andere Dinge mit der Zeit. Man lernt, dass es auch anders geht. In so einer Umgebung bin ich aufgewachsen, in einer Gegend, in der man immer gesagt hat: die Welt gehört dir! Was dann wiederum heißt: mach was du willst Alter! Mach was dich glücklich macht und nimm dir das was dir zusteht.

Nach meinen Informationen hast du das Buch sogar selbst geschrieben, also komplett.

Xatar: Ja ich habe im Knast angefangen zu schreiben. Ich habe sehr viel geschrieben in der Zeit, jedoch habe ich nie vorher ein Buch geschrieben. Ich habe einfach nur darauf losgeschrieben und alles aufgeschrieben was mir in den Sinn kam. Letztlich habe ich dann so ungefähr 1400 Seiten gehabt mit allem Möglichen Inhalt ohne Konzept. Mit einem Lektor habe ich das Ganze dann zu einem Buch verfasst.

Die Tatsache, dass du das Buch ohne jeglichen Ghostwriter selbst verfasst hast, hat mich sehr beeindruckt, weil du offensichtlich ein zeitlich sehr eingespannter Mensch bist. Du bist bist Solokünstler, Label-Besitzer und Gastronom. Da stellte sich mir die Frage, wo dir dann noch die Zeit blieb, das Buch zu schreiben? Zugegeben, du fingst während deiner Haftzeit an deine Biografie zu verfassen, da du die Zeit hierfür hattest, aber deine Geschichte war sicherlich nicht beendet, als du die Justizvollzugsanstalt verlassen hast. Wie viel Zeit hast du dann noch für dein Buch-Projekt benötigt und in welchem Zeitraum ist es entstanden?

Xatar: Ich fing ungefähr Ende 2011 / Anfang 2012 an zu schreiben. Das war der Zeitpunkt, als ich eine Schreibmaschine im Knast bekam. Wenn ich schreibe – ob nun einen Raptext oder eine Geschichte – bin ich frei. Ein freier Mensch, der kein Knecht des Systems ist. Von da an begann meine literarische Reise. Ich hab immer weiter geschrieben bis zum Ende meiner Haft, was letztes Jahr im Dezember war. Ich hab dann einen relativ kleinen Teil des Buches, um genau zu sein das Ende, noch draußen geschrieben.

 

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Im Zusammenhang mit deiner Biografie interessiert es viele wie deine Haftzeit aussah. Jedoch hoffe ich sehr, dass sich das Buch inhaltlich nicht all zu sehr auf die Goldraub- und Gefängnisgeschichte fokussiert und stattdessen einen persönlicheren Einblick deines Werdegangs bietet. Wie viel Prozent innerhalb der Geschichte beansprucht die Haftzeit?

Xatar: Gar nicht so viel. Beim Hauptanteil der Geschichte geht es eher um die 10 bis 15 Jahre meines Lebens vor meiner Inhaftierung. Meine Kindheit und Jugend wird von der Länge etwa im gleichen Umfang behandelt wie meine Haftzeit und die Zeit nach der Entlassung. Also kann man im Grunde sagen, dass es sich um eine 60 – 20 – 20 % Aufteilung handelt.

Was waren eigentlich deine persönlichen Beweggründe die eigene Lebensgeschichte in Buchform aufzuschreiben? Du bist Musiker und erzählst deine eigenen, scheinbar authentischen Storys in Form von Rap-Liedern. Hättest du statt der Biografie nicht auch einfach „Alles oder Nichts – Bei uns sagt man die Welt gehört dir“ als Album veröffentlichen können? Also in dem Metier, in welchem du dich eh befindest und dich auskennst?

Xatar: Also ich schreibe sehr gerne. Wie bereits gesagt: ich fühle mich frei, wenn ich schreibe. Rap-Texte habe ich schon immer gerne und auch viele geschrieben. Zugegeben, ich verfasste jetzt nie so die literarische Sachen, aber ich habe es bereits bei meinen Rap-Texten immer sehr gemocht Geschichten zu erzählen. Storytelling innerhalb meiner Tracks war immer eine persönliche Leidenschaft. Ich hatte dann im Knast einfach zu viel Zeit, die ich nicht verschwenden und produktiv nutzen wollte. Ich habe die ersten zwei Jahre quasi nur Rap-Texte geschrieben! So viele Texte, die noch für zehn Jahre reichen. Irgendwann habe ich dann beschlossen etwas anderes zu machen. Ich wusste, dass ich mehr kann als nur Rap-Texte zu verfassen. Ich besaß die Lust und die Motivation abseits des ganzen Rap-Dings mein Geschichte ungeschönt den Leuten zu präsentieren. Ich hab so viel erlebt, da gibt es natürlich auch viel zu erzählen (lacht).

Ich bekam dann die Schreibmaschine und wie gesagt: ich hatte zu viel Zeit und einfach Bock darauf alle meine Gedanken und erlebten Stories aufzuschreiben – einfach für mich. So sind dann auch erst einmal diese 1400 Seiten entstanden – lange bevor es überhaupt geplant war, dass daraus ein Buch entsteht, welches veröffentlicht wird. Das war zunächst gar nicht so geplant. Der Entschluss aus diesem umfangreichen Material eine zusammenhängende und in sich homogene Geschichte  zu erzählen, entstand erst nach der Entlassung, also dieses Jahr.

Du sagst selbst, du schreibst sehr gern und bist ein sehr kreativer Mensch. Wäre es für dich eine Option vielleicht mal einen Roman zu schreiben? Du hast die „Straße“ gelebt und hast gleichzeitig viel erlebt. Da passieren bekanntlich die aufregendsten und interessantesten Geschichten. Personen, die von der Straße kommen, kennen die verrücktesten Charaktere und haben unzählige Geschichten zu erzählen, die geschehen sind. Mit ein bisschen Fiktion verpackt hat man eine coole und unterhaltsame Story. Du hast sicherlich viele Geschichten auf Lager, über die du schreiben könntest. Lustige, verrückte und traurige Inhalte. Wäre das für dich eine Option, dass du mal sagst „Ok, ich gönn mir jetzt mal eine kleine musikalische Pause und verfasse einen Roman.“? Du schreibst doch gerne und vielleicht hast du jetzt Blut geleckt?

Xatar: Ja sehr gerne! Ich sehe das auch als eine Art neue Tür, die ich mir mit dem Schreiben von Büchern versuche zu öffnen. Die Sache ist nur, dass es momentan zeitlich unmöglich ist. Ich hatte für die Biografie einfach das Glück … (überlegt kurz) was heißt hier Glück? Eher das Unglück, dass ich im Gefängnis zu viel Zeit hatte und das tun konnte! (lacht) Ich habe einfach das Beste daraus gemacht.  Aktuell sehe ich für solch ein Projekt leider keine Möglichkeit, da mir schlicht und ergreifend einfach die Zeit fehlt. Aber mal schauen, was die Zukunft so mit sich bringt. Ich bin offen für den Gedanken und hab noch viele Geschichten zu erzählen. (lacht)

 

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Du hast etwas Negatives, was dir widerfahren ist, versucht zum Positiven zu wenden und es für dich zu nutzen – In deinem Fall: du bist inhaftiert und versuchst die Zeit produktiv zu gebrauchen, indem du deine Rap-Texte und dein Buch schreibst. Hier kommt dein Buchtitel „Die Welt gehört dir“ wieder zum Ausdruck, welches du mit deinem Wesen repräsentierst. Das lernt man anscheinend, wenn man nicht wirklich viel hat. Nach dem Motto: Mach das Beste daraus mit dem, was dir gegeben wird, egal wie scheiße es ist. Kannst du nachvollziehen, dass gerade diese Attitüde eine sehr inspirierende Wirkung auf Personen haben könnte, die aus ähnlichen sozialen Verhältnissen kommen und nun durch deine Präsenz sehen, dass es sich rentiert am Ball zu bleiben und für den persönlichen Traum zu kämpfen – auch wenn es Leiden mit sich bringt?

Xatar: Ich hoffe, dass es so ist. Ich besitze diese Einstellung seit dem ersten Tag. Egal, in welcher Lebenssituation ich mich befinde, ich versuche immer das Beste, aus dem was vorhanden ist, rauszuholen. Ich hoffe, dass das alles für die Kids eine Art Inspiration ist und sie in schlechten Lebenssituationen die Kraft besitzen sich mit eigener Energie aus der Negativspirale rauszudribbeln und dabei sogar stärker und weiser auf die Zielgerade ihres Traums zugehen. Ich hätte mir als Kind auch gewünscht solche Menschen zu sehen. Ich hätte dann eher eine Perspektive am Horizont erkannt und hätte gewusst, dass es als Migrant in Deutschland auch möglich ist mit anderen Dingen Geld zu machen als mit Drogen oder anderweitigen kriminellen Sachen. Es war schwierig in den 80ern und 90ern in Deutschland als Kind mit Migrationshintergrund aufzuwachsen. Da hatte man in der Öffentlichkeit keine Identifikationsfiguren. Die Vorbilder waren die respektierten Typen aus dem Block, die einen dicken Benz fuhren und bündelweise Geld in der Tasche hatten. Man sah aber sonst keine schwarzhaarigen Fußballspieler, Sportler oder Musiker. Außer Roberto Blanco habe ich nicht wirklich jemanden gesehen der anders war und Blanco war jetzt auch wirklich keine coole Person, auf den man hinaufgeschaut hat.

Damals gab es noch keinen Khedira, Boateng oder Özil.

Xatar: Es gab zwar Mehmet Scholl, aber da wusste niemand richtig, warum der so einen Nachnamen hatte (lacht). Er war aber auch niemand, an dem man sich festhalten konnte. Deswegen hoffe ich auch, dass die Kiddies sehen, dass auch andere Sachen möglich sind. Zumal die Kids eher auf jemanden hören, der wirklich die ganze Palette an Scheiße durchgemacht hat als auf irgendeinen desinteressierten 50 jährigen Lehrer, der seine Schüler kritisiert aber sie in keinster Weise erreicht oder versteht.

Vor dem Interview saßen wir hier, plauderten ein bisschen und aßen gemeinsam. Während dieses Beisammenseins fragtest du mich, was mein persönlich größter Traum sei, auf den ich hinarbeite. Das war eine äußerst ehrliche Frage, die auch gleichzeitig viel über dich und deine Persönlichkeit aussagt. Es hätte dir genau so gut scheißegal sein können, wer vor dir sitzt, aber dennoch interessierte es dich, mit was für einem Menschen du es zu tun hast. Auf deine Frage folgte meine ehrliche Antwort, die ich mit dem Nebensatz kommentierte, dass unsere Mitmenschen aber dazu neigen die großen Träume anderer zu belächeln. In jenem Moment meintest du dann „Bruder ich weiß, wovon du sprichst. Scheiß auf die!“.

Xatar: Ja natürlich, ich weiß genau, was du meinst! Jeder Musiker, Sportler oder Künstler wird dir sagen können, dass ihm gefühlt eine Millionen Leute, wenn’s nicht sogar die eigenen Eltern waren, gesagt haben „Alter mach etwas Vernünftiges“ und ihren Traum ins Lächerliche zogen. Selbst wenn die eigenen Eltern Musiker sind, sagen sie oft, dass man seinen Traum aufgeben soll, weil sie wissen, dass es voll nach hinten losgehen kann.

Wegen meiner Frage nach deinem Traum: Wenn ich weiß, was dein Ziel ist, dann kann ich dich auch besser einschätzen, auch wenn’s nur ein Gespräch ist, was wir führen. Aber ich sage es dir und jedem anderen: halte an deinem Traum fest, egal was passiert und egal was dir die Leute sagen. Nur so entstehen doch Geschichten! Wenn das keiner machen würde, dann würde es doch keine Musik geben, keine Filme, all das würde es doch nicht geben. All das ist aus der Sicht der fantasielosen Menschen aus einem Schwachsinn entstanden. Am Ende sind es genau diese Leute, die dann erkennen, dass es doch geht, obwohl sie es für unmöglich hielten.

Es ist wichtig, dass man an seinen Zielen festhält, auch wenn es für die meisten Leute in der Gesellschaft in jenem Moment unrealistisch und utopisch erscheint.

 

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Lustigerweise führte ich mit Plusmacher vorhin ein ähnliches Gespräch, bei dem es um das Outro seines letzten Albums FSW – Freie Schwarzmarktwirtschaft ging. Da spricht er in einer überaus lustigen und unterhaltsamen Art und Weise jene existenziellen Themen an. Er weist die Leute darauf hin, dass sie ihr Ding machen, sich verwirklichen und vor allem kreativ sein sollen. Das war genau jene Phase, in der ich mich zum Ende meines Studiums zwischen dem „sicheren“ Weg oder der Selbstverwirklichung entscheiden musste. Der Schlüsselmoment kam als mir bewusst wurde, dass ich nicht irgendwann in 20, 30 Jahren als alter Mann zu Hause rumhocken und verbittert auf meine Vergangenheit zurückblicken mag und mir dabei denke, dass ich so viele Talente besaß und ich stattdessen nur brav meinen Job ausgeübt habe. Aus dieser Hinsicht sind Personen, die die Selbstverwirklichung propagandieren, definitiv inspirierende Persönlichkeiten.

Xatar: Dankeschön! Es gibt viele Menschen, die man kennt, die älter sind (sagen wir mal über 40 und 50) und die dann immer an ihre alten Talente denken. Die Talente, die immer in ihnen schlummerten, und sie denken daran, dass sie so viel damit hätten machen können. Zumindest der Versuch wäre es Wert gewesen und dieser Gedanke lässt sie dann in dem Alter nicht mehr los! Ich kenne selber viele Leute, auch in meinem Alter, die super Talente besaßen was Gesang oder Sport anging. Sie sind dem aber nicht nachgegangen, weil die dachten „kuck mal, ich mach das, was mir vorgegeben wird und was das vermeintlich sichere ist“. Das hat sie aber letztlich auch nicht zur Glückseligkeit geführt. Was ist heute schon sicher? Ich kenne Leute, die haben Top-Studiengänge hinter sich und haben bei dicken Konzernen gearbeitet. Die Konzerne sind dann 2008 Insolvenz gegangen und dann hingen die da und wurden Teil einer kriminellen Sache von der die gar nichts wussten und haben jetzt Probleme wieder ins Berufsleben zu kommen, weil die irgendeinen Stempel auf dem Kopf haben. Das sind so Sachen, bei denen man nie wissen kann, wie es endet, wenn man sich aus vermeintlicher Rationalität für das „sichere“ entscheidet. Ich hab die Erfahrung gemacht und denke, dass man einfach immer das tun sollte … nein, das tun MUSS, was man fühlt und was das Herz einem sagt. Selbst wenn du als Schriftseller oder Musiker kein Millionär wirst und „nur“ halbwegs davon leben kannst, ist es immer noch besser als sich jahrzehntelang in einem Unternehmen knechten zu lassen für einen Job, der einen nicht ausfüllt.

Jedoch ist es auch nicht einfach genau das umzusetzen. Für viele Künstler ist es ja so: Wenn man beschließt den Weg der Selbstverwirklichung einzuschlagen, merkt man erst, was für einem Gegenwind man ausgesetzt ist. Sei es von Freunden, Kollegen oder der Familie. Während vorher noch über einen gelacht wurde, spüren diejenigen dann das Missverständnis dieser Menschen und häufig wird einem dann die Unterstützung völlig verwehrt. Viele Künstler, mit denen ich sprach, reden hier von einer schweren Charakterprüfung. Wenn die gefühlte Welt gegen einen ist, wird einem schnell klar, ob das wirklich der große Traum ist, den man verfolgt. Wenn man diese Frage bejaht, dann nimmt man so gut wie alles dafür in Kauf. Man ist dann nicht mehr von seinem Weg abzubringen. Eigentlich verrückt, oder?

Xatar: Es ist so: Es gibt Leute, die sehen grob, was man machen könnte. Das reicht ihnen, wenn sie in ihren Träumen schwelgen. Dann gibt es Leute, die wissen, was man machen kann und schließlich gibt es Leute, die einfach nur machen! Weißt du, dass das ein großer Unterschied ist? Ich hab das in meinem Freundeskreis gesehen. Da waren viele Leute, die wussten genau, was man machen kann. Die hatten vielleicht Sachen und Talente am Start und hatten es teilweise sogar besser drauf als ich, aber die haben’s einfach nicht gemacht! Sie haben nicht den Schritt gewagt dafür Zeit und Energie zu opfern! Weil sie irgendeine Einstellung im Kopf hatten und auch so erzogen wurden oder es so gelernt und verstanden haben, dass es sichere Wege und unsichere Wege gibt. Unseren Weg, den Weg der Selbstverwirklichung, hielten sie für unsicher und haben sich daher nie ernsthaft damit beschäftig. Dann gibt’s aber Leute wie uns, die so verliebt sind in ihre Sache, dass die mit den Gedanken reingehen, dass selbst wenn sie kein Geld damit verdienen, selbst wenn sie damit Minus machen, sie es trotzdem weiter machen und das war auch in meinem Fall der Fall. Ich verdiene ja erst seit nicht einmal zwei Jahren Geld mit der Musik. Ich habe davor nur reingesteckt, sowohl Zeit, Geld als auch Energie, sehr viel sogar. Das war mir aber egal, weil ich liebe das. Ich hab’s gemacht, als ich nix damit verdiente und ich werd’s auch weiterhin machen, selbst wenn kein Cent mehr rein kommt. Alles oder Nix ist eine Lebenseinstellung. Entweder machst du alles für deine Leidenschaft, für deinen Traum, oder du lässt es sein und lässt dich Knechten. Alles oder Nix, mit Halbherzigkeit wurde noch keine Legende geboren.

 

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„Alles oder Nix“ oder auch „Get rich or die tryin“. Aber selbst wenn man nicht reich wird, dann hat man wenigstens versucht seinen Traum zu realisieren. Also sollte es eigentlich „Get happy or die tryin“ heißen?

Xatar: Absolut! Versuch dein wahres Glück zu finden. Du lebst nur einmal.

Zurück zu deinem Buch: Zunächst war es für mich nicht greifbar, was man beim Lesen erwarten kann und worauf du deinen Fokus legen wirst. Dann habe ich mir den Video-Trailer zu deiner Biografie angeschaut. Da sieht man viele, die im Rap-Geschäft Rang und Namen haben (so wie Sido, Staiger und Visa Vie). Sie haben dein Buch angepriesen und Sido meinte, dass du der Einzige in der deutschen Rap-Landschaft seist, dem er das Gangster-Ding und die Authentizität auch abnimmt. Was erwartet den Leser? Du wirst ja nicht nur eine Gangster-Geschichte erzählen, oder?

Xatar: Es wird eine Geschichte erzählt, die den langwierigen Kampf nach Anerkennung beschreibt. Es soll eine neue Sichtweise des Lebens offenbart werden. Es wird beschrieben, wie jemand, der eigentlich (so wie man das hier versteht) gut aufwächst und aus normalen Verhältnissen stammt, trotzdem eine gesellschaftsunübliche Einstellung entwickelt. Man erhält einen Einblick in eine Sichtweise auf das Leben, bei der das Verhältnis für gut und böse, falsch und richtig komplett verschoben ist.  Das Leben besteht nicht aus schwarz und weiss, gut oder böse. All das ist immer aus dem jeweiligen Blickwinkel zu betrachten. Das Leben ist Grau, denn manchmal wird man durch die Umstände dazu getrieben etwas vermeintlich „Böses“ zu tun um etwas „Gutes“ für sich oder sein Umfeld zu erlangen. All das wird nachvollziehbar für den Leser beschrieben, dem dieses Leben fremd ist. Es wird dieser stetige innere Krieg beschrieben, dieser Kampf zwischen gut und böse, zwischen falsch und richtig. Es wird gezeigt, wie kleine Entscheidungen in Dingen resultieren, die einen das ganze Leben lang verfolgen. Es wird gezeigt, dass die Beweggründe einer Entscheidung das starre Bild von richtig und falsch aushebeln.

Es ist eine Geschichte, die darstellt, wie krass kleine Entscheidungen große Konsequenzen mit sich tragen können und wie heftig das Schicksal sein kann. Es wird zum Beispiel beschrieben, dass man alles Mögliche in seinem Leben versucht um etwas Bestimmtes zu erreichen, das aber nie schafft, obwohl jeder andere Mensch unter den gleichen Bedingungen (oder sogar mit weniger) das geschafft hätte. Es gibt Sachen, die einem absolut sicher erscheinen und dann doch nicht funktionieren. Dann gibt es Sachen, mit denen man nicht so gerechnet hätte und für die man gar nicht so viel getan hat wie andere, die dann aber plötzlich funktionieren. Am Ende des Tages ist es meine Geschichte, es ist mein Leben. Es ist das, was ich gesehen habe. Für mich ist das jetzt alles normal im Nachhinein. Es ist die Geschichte eines Lebens, das vom Guten zum Schlechten, hin zum Guten und wieder zum Schlechten, und dann zum Guten und wieder zum Schlechten und am Ende schließlich zum Guten läuft. Ich hoffe, die Leute fühlen die Geschichte.

Du warst ja auch auf der Frankfurter Buchmesse und es war für einige befremdlich dich dort anzutreffen – sowohl für Autoren als auch für die dort vertretenen Medienpartner. Wie siehst du das, dass du auf einer Buchmesse wahrscheinlich sehr schwer von den klassischen Autoren als einer von Ihnen angesehen wirst?

Xatar: Das bin ich doch auch gar nicht! Also ich sehe mich auch gar nicht als einen von ihnen. Da sind Autoren, die ihr ganzes Leben lang wie du auch damit verbracht haben zu schreiben und in diese Richtung ihre Leidenschaft gesteckt haben. Ich würde mir das nie Anmaßen zu behaupten, dass ich ein gleichberechtigter Autor bin. Ich habe gerade erst angefangen. Ich lass‘ denen auch deren Platz. Ich bin da für mein Buch. Das Buch über mein Leben. Ich habe bis jetzt auch nicht über ein anderes Leben geschrieben oder über andere Menschen oder überhaupt irgendwelche Geschichten oder Romane, die total fiktiv sind. Ich sehe mich da auch gerade überhaupt nicht. Andererseits habe ich folgende Erfahrung gemacht: Wenn man Erfolg hat, dann spielt die Haarfarbe und die Herkunft keine Rolle mehr. Vielleicht in den Köpfen zu einem gewissen Teil noch, aber nicht was einem gegenüber gezeigt wird. Aber so ist das, sobald der Erfolg und der Ruhm da ist, sobald die Leute sehen, dass das funktioniert, was man macht, dann tun die mindestens so als würden sie dich respektieren. Natürlich respektieren sie dann auch eher den Erfolg als die eigene Person. Diese Erfahrung habe ich zumindest durch meinen persönlichen Erfolg machen können.

 

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Ich hab zum ersten Mal 2009 von dir gehört als ich das Video „Ich will hier nicht weg“ sah. Thematisch hat mich das Lied sehr überrascht, weil es mitten in der Hochphase des Gangster-Raps war, wo du mit einem ganz anderen Ansatz rangegangen bist. Mit anderen Beats, mit einer anderen Attitüde. Du hast nicht einen überharten Gangster gespielt, der seine dicken Eier raushängen lassen muss. Im Gegenteil, du beschriebst mit einem unverkennbaren Wortwitz deine Hood und dass du glücklich bist mit deiner Umgebung. Also ist doch nicht alles kalt und grau, wie es zu der Zeit im Gangster-Rap üblich war. Was hat sich seitdem für dich geändert? Wie ist es für dich, sechs Jahre nach „Ich will hier nicht weg“? Kannst du dich noch „zu Hause“ blicken lassen oder bist du dafür mittlerweile schon zu erfolgreich geworden?

Xatar: Nein, dieses Problem habe ich nicht. Ich war gestern noch in meinem alten Viertel. Solche Probleme existieren nicht, weil selbst wenn ich von der Straße weg bin, bin ich im Herzen immer noch der Junge, der da herkam. Das ist die wichtigste Regel, wenn du Erfolg hast: Vergiss niemals, und ich meine wirklich NIEMALS, wo du herkommst. Das ist der Anker, der dich am Boden hält. Wenn du das vergisst, bist du verloren. „Ich will hier nicht weg“ entstand zu einer Zeit, die du schön als Gangster-Rap Hochphase beschrieben hast.  Die Platten-Verkäufe waren jetzt nicht so prickelnd, aber dieser übertriebene Gangster-Rap Hype war auf jeden Fall vorhanden und das hat mich halt abgefuckt. Ehrlich gesagt hat uns das alle abgefuckt, weil die Rapper so getan haben, als wäre das Leben auf der Straße oder im Ghetto komplett zu 100% scheiße. Aber das ist ja nicht der Fall, man lebt ja noch da. Man hat dort seine Freunde, Familie und sein Leben. Man macht halt das Beste daraus. Ja, man tut was nötig ist, um über die Runden zu kommen, aber dennoch macht man das Beste daraus.

Es gibt diese Erfahrung, wenn man als Verbrecher unterwegs ist: Man spürt die Anspannung, die Nervosität, die Paranoia und die Gefahr. Adrenalin wird durch deinen Körper geschwemmt. Du spürst dein Blut in deinen Adern pochen. Abseits dessen plagen dich sowohl schlaflose Nächte als auch der körperliche und seelische Schmerz. Aber dennoch läufst du nicht die gesamte Zeit missgestimmt und übel gelaunt durch deine Gegend und schiebst nen Harten. Im gegenteil: Trotzdem hat man den Rest der Zeit meistens mehr Spaß als viele andere. Erst recht deswegen, weil man dann alles noch mehr genießen muss. Die härtesten Gangster und Verbrecher sind meist die lustigsten und lebensfrohsten Menschen, die viel lachen. Ehrlich, denn sonst besitzt du ja nicht mehr im Block als deine Freude und deinen Spaß. Man muss lachen und ein lebensfroher Mensch sein und genau deswegen hat uns das damals abgefuckt, dass jeder zweite Song nach dem Schema „Alles ist scheiße, ich seh nur Beton, hier ist alles grau“ verlief. Aber Alter, grauer Beton heißt ja nicht, dass er dein Leben kaputt macht! Es ist natürlich nicht alles perfekt und es verläuft so manches überhaupt nicht nach Plan, aber dennoch gibt viele schöne Sachen und die wollte ich mit dem Song aufzählen. Das haben wir damals gemacht und heute ist es für mich immer noch das Gleiche: ich fahre gerne in meine alte Gegend! Natürlich habe ich nicht mehr so viel Zeit wie früher. Ich arbeite viel und deswegen kann ich nicht mehr den ganzen Tag rumhängen aber ich versuche natürlich, wenn’s möglich ist, zu den Jungs von damals zurückzufahren. Ich fahre gerne zu den Jugendlichen und den Kids, die vielleicht damals zwei Jahre alt waren und jetzt zehn sind. Natürlich will ich mit denen reden und kucken, wo das bei denen alles hinführt.

Apropos Humor: Du hattest jetzt auf deiner Tour die Jungs von Rebell-Comedy am Start. Auch an dir ist mir aufgefallen, dass du ein sehr humorvoller und lustiger Mensch bist. Das ist etwas was man dir in dieser ausgeprägten Art und Weise überhaupt nicht zutraut. Man sieht diesen großen, kräftigen Hünen, vor dem man allein wegen seines physischen Erscheinungsbildes Respekt hat. Du bist Xatar, der in der öffentlichen Wahrnehmung als Gangster-Rapper, Goldräuber und Ex-Häftling gesehen wird. Man erwartet einen durch und durch bösen und harten Badass, aber das ist zum Glück nicht der Fall. Selbst Larry, die jüngst mit MoTrip ihre Goldene Schallplatte für „So wie du bist“ erhielt, hat gesagt, dass man mit dir auch lachen und eine tolle Zeit haben kann. Da gibt es auf jeden Fall eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung deiner Person und deinem wahren Gemüt. Bei vielen Rappern denkst du dir, dass sie nicht mal in zehn Jahren alleine im Keller lachen und genau dieses Bild tragen sie auch nach außen. Das ist aber bei dir ja nicht der Fall. Ist es unvereinbar das Image eines Gangster-Rappers zu besitzen und dennoch lustig und locker zu sein? Leidet die Authentizität darunter oder ist das klassische Bild des immer bösen Gangster-Rapper-Stereotypen einfach nicht mehr zeitgemäß und ausgelutscht?

 

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Xatar: Die Sache ist die: Ich kann es verstehen, wenn Leute mich sehen und im ersten Moment denken „Schau dir den grimmigen Typen an, der lacht sicherlich nicht viel und hat scheinbar kein Spaß am Leben“. Wer kann es ihnen verdenken, dass sie dank der vielen so genannten „Gangster-Rappern“ genau dieses Bild haben? Die Sache ist aber, dass viele Rapper, die sich Gangster nennen und Gangster-Rap machen, gar nicht aus dieser Welt kommen über die sie rappen. Daher müssen sie eine konstruierte und gespielte Authentizität an den Tag legen, um ihre Rolle nach außen irgendwie glaubhaft verkörpern zu können. Also denken sie, dass sie dann 24 Stunden vor der Kamera auf hart machen müssen. Es wird überhaupt gar keine andere Seite gezeigt, weil die denken, dass das in dieser Welt so ist. Aber weil die eben nicht aus dieser Welt kommen, machen sie sich mit dieser absolut eindimensionalen Rolle lächerlich. Das ist dann eben nicht authentisch! Daher finde ich es natürlich nicht unvereinbar das Image eines Gangster-Rappers zu besitzen und dennoch ein cooler und lustiger Typ zu sein. Was ist ein Gangster oder Verbrecher? Er macht krumme Dinge um zu Leben. Es ist quasi sein Job. Natürlich ist er hart, wenn er seinen Job ausübt. Doch wenn er nicht gerade seine Geschäfte macht, dann ist er einfach ein normaler Typ und nicht der eiskalte Rambo, der ohne eine Wimper zu zucken durch die Hood läuft und Terror verbreitet. Was für eine Scheiße das doch ist! Ja, das Bild des gespielten, immer bösen Gansgter-Rapper-Stereotypen ist definitiv ausgelutscht und das checken die Leute aber mittlerweile auch. Außerdem finde ich, dass es am Beispiel meiner Person sogar meinem Image gut tut, dass ich eben so bin, wie ich bin – mit allen meinen Facetten. Authentizität pur. Die Zeit ist vorbei für Steretypen. Wie ich es mit meinem Buch auch klar sagen wollte: Es gibt kein Schwarz und Weiß!

Wegen den Rebell-Comedy Jungs: Ich bin mir sicher, dass in 5 bis 10 Jahren die Comedy-Szene in Deutschland komplett von „Straßenleuten“ regiert wird. Nicht dass du mich falsch verstehst: Es handelt sich hier natürlich nicht um Gangster sondern um Leute, die  aus den sozialen Brennpunkten stammen und genau die Attitüde mitbringen, die ich vorhin beschrieben habe: Man entwickelt einen krassen und einzigartigen Humor, wenn man aus einem sozial schwachen Umfeld kommt. Man hat nicht viel, aber man bekommt viele Geschichten mit und lacht darüber. Diese Leute bringen neue und frische  Geschichten mit, die es so in der klassischen deutschen Comedy Szene bisher nicht gab. Allein was den Humor aufgrund der Herkunft angeht, ist sehr bezeichnend. Die deutsche Comedy-Szene befindet sich gerade im Umbruch und es wird unaufhaltbar sein – ähnlich wie Ende der 90er als die ersten Straßenrapper medial Fuß fassten und es auf einmal eine neue Würze in der Suppe gab. Es ist neu und fresh. Aktuell passiert das schon mit Rebell-Comedy, die bereits äußerst erfolgreich sind mit dem was sie tun. In Zukunft wird das alles noch viel größer – so wie es auch in der Musik passiert ist und das ist natürlich schön weil’s auch eine Bereicherung ist.

Die Straßenrap-Newcomer des letzten Jahres waren für mich Kalim, der mit Sechs Kronen über dein Label Alles oder Nix ein bemerkenswertes Mixtape rausbrachte, und Plusmacher, der mit seinem Album FSW – Freie Schwarzmarktwirtschaft ein absolut unterhaltsames Album am Start hatte. Die Platte lege ich jedem ans Herz, der diesen Mix aus lustig-unterhaltsamen Straßenrap und oldschooligen BoomBap Beats feiert. Lustigerweise hast du nun ausgerechnet Plusmacher, den ich vom Hörgefühl her immer gerne mit Kalim verbunden habe, bei deinem neuen Label Kopfticker Records unter Vertrag genommen.  Kalim hat auf Sechs Kronen diesen coolen G-Funk Sound präsentiert während Plusmacher soundmäßig in die Oldschool Eastcoast Richtung geht. Ich hab beide Alben in der Kombo rauf und runter gehört. Was erwartet uns mit Plusmacher und mit Kopfticker Records? Was kannst du über Kalim und seine kommenden Projekte sagen?

Xatar: Mit Kopfticker und Plusmacher erwartet uns auf jeden Fall mit seinem Album Die Ernte, welches am 15.01. erscheint, etwas sehr musikalisches und authentisches. Er macht einen anspruchsvollen und wirklich coolen Rap. Ich mag’s echt was er macht, weil er auch mit sehr viel  Humor unterwegs ist und ich kenn ihn auch. Ich hab ihn letztes Jahr kennengelernt und war auch mit ihm in Berlin unterwegs und hab auch gesehen, dass der einfach real ist. Er erzählt keine Scheiße,  macht sein Ding und ist auch von niemandem abhängig. Er hat Bock zu musizieren und ist wirklich in diesem Musik-Ding mit Herz und Seele dabei. Auch sein Rap ist geil. Also er rappt einfach tight und ich feier was er macht und weiß auch, dass das funktionieren wird, weil es genug Leute gibt, die die Qualität erkennen werden – wie du auch. Bei Kalim ist so: Wir haben ihn ja schon länger unter Vertrag und der Junge ist einfach krass. Ehrlich … wir leiden bei Alles oder Nix unter der Perfektionskrankheit. Ssio war  bisherimmer der schlimmste und Kalim ist nun auf Ssios Level, was seine Arbeit und die künstlerische Perfektion angeht. Sowas feier ich sehr und er ist sehr deatailverliebt in dem was er tut. Er ist in Hamburg, wo er wohnt, in der Szene auch als Künstler angesehen. Er hat Respekt vor den Menschen und die Leute haben Respekt vor ihm. Ich hab in sein Album bereits reinhören können und das, was er bis jetzt aufgenommen hat, ist echt heftig! Ich bin absolut geflasht von seinem Sound und das sage ich selten. Ich bin sehr geflasht von seinem Rap. Er hat noch mal ne fette Schippe draufgelegt, auch was die Produktion und die Inhalte, Flows, die Aussprache und die Betonung angeht. Seine Phonetik ist heftig. Die Attitüde. die er auf seinem Album rüberbringt, ist einfach übertreiben geil. Die Attitüde ist das, was ihn komplett macht. Sozusagen das Sahnehäufchen auf einem nahezu perfekten Produkt.

 

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Kann man dann zwischen AON und Kopfticker auch Kooperation erwarten, z.B. Plusmacher mit Kalim? Ich könnte mir beide sehr gut auf einem Track vorstellen. Sie würden musikalisch super miteinander harmonieren.

Xatar: Ja absolut, aber ich überlasse das mal den Künstlern selbst. Ich entscheide ja nicht, wer was mit wem machen soll, aber das ist alles offen und jeder kann miteinander aufnehmen. Da wird es sicherlich auch Kooperationen zwischen den Künstlern geben.

Apropos Kooperation: AON war ja sowohl bei den Releases der 187 Straßenbande und von Selfmade Records vertreten. Man konnte sowohl dich beispielsweise auf dem Track „Ebbe und Flut“ auf dem gleichnamigen GZUZ Album hören als auch Ssio auf dem Track „Chronik III“ auf dem Selfmade Records Sampler. Ich interviewte außerdem vor kurzem GENETIKK und sie hatten nur positives über AON zu sagen. Sie feiern das ALLES ODER NIX Label und finden sowohl dich als auch Ssio und Ewa richtig cool. Auf die Frage, ob eine weitere Kooperation mit Ssio  realistisch wäre (der mit „Jungs aus dem Barrio“ auf dem Gentikk Album „Achter Tag“ zu hören ist), erwiderten sie, dass sie sich das auf jeden Fall vorstellen könnten. Wie schaut das von deiner Seite So aus, also sowohl mit 187 als auch mit Selfmade? Kannst du dir weitere Zusammenarbeiten vorstellen? Du bist ja scheinbar cool mit ihnen und die Fans feiern die gegenseitigen Features auch total ab.

Xatar: Also mit Selfmade sind wir ja schon seit gefühlten zehn Jahren cool und wir feiern auch was sie machen.

Schon so lang?

Xatar: Ja klar, ich kenne Elvir, ihren Labelboss, auch schon ewig. Wir haben zusammen früher in der Mannschaft gemeinsam Basketball gespielt. Er war eine Jugend über mir. Wir sind auf jeden Fall cool miteinander und ich feier auch, was sie tun. Da wird’s auch definitiv noch in Zukunft gemeinsame Projekte geben und da freu ich mich auch sehr, weil’s einfach Bock macht mit denen. Genau so ist es auch bei 187. Ich kenne die Jungs jetzt persönlich wohl nicht so lange, aber was 187 macht ist einfach fett und authentisch. Es macht Spaß ihnen zuzuhören. Die machen komplett ihr eigenes Ding. Die Attitüde, wofür sie stehen, ist kompromisslos und das ist geil. So sind wir damals auch in die Szene reingekommen!  Das hat zu jenem Zeitpunkt noch keiner so richtig gerafft, weil keiner es damals raffen wollte. Es hat lange gedauert, bis wir ein akzeptierter und respektierter Teil der Szene waren und bei den 187 Jungs hat es auch sehr lange gedauert bis die Leute gecheckt haben wofür sie stehen. Ich sehe bei denen auch eine sehr, sehr große Zukunft.

Ich als großer Filmfan bin vor Kurzem hellhörig geworden als ich bei dir auf der Facebook Seite sah, dass du in Berlin an einem Filmset des Regisseurs Kubilay Sarikaya warst. Du hast geschrieben, es wird ein Film erscheinen, den es so in Deutschland noch nie gab. Was kommt da auf uns zu und inwiefern bist du da involviert? Wird man dich als Filmproduzenten oder Darsteller erleben?

Xatar: Es ist auf jeden Fall nicht mein Film und es ist auch kein Film über mein Leben. Es wird aber ein wirklich heftiger Film für deutsche Verhältnisse. Es handelt sich um einen Film von Kubilay Sarikaya und Kubilay ist ein krass ambitionierter Filmemacher, dem die Chancen lange verwehrt wurden, der aber trotzdem immer weitergemacht hat und jetzt seine Chance hat, die er sehr gut nutzt. Ich war am Set dabei und kann aktuell dazu nicht viel sagen. Da wird’s aber bald Infos geben. Ich kann nur sagen, dass es wirklich etwas ist, worauf ich als Filmfan sehr lange in Deutschland gewartet habe. Es ist cool, dass endlich so ein Film in Deutschland entsteht.

 

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Auf deiner Facebookseite hast du auch ein Foto mit dem im Rollstuhl sitzenden Umut Baba gepostet, was ich wirklich sehr schön fand und was auch vielen wirklich nahe gegangen ist. Man hört ja auch von dir, dass du gemeinnützig tätig bist usw. aber das hängst du praktisch überhaupt nicht an die große Glocke.

Xatar: Nein natürlich nicht, das wäre ja ekelhaft! Ich brauche mich in der Öffentlichkeit nicht (wie viele andere) mit Charity profilieren. Ich tue Gutes für mich und für meine Seele und nicht um in den Schlagzeilen zu stehen. Bei Umut war die Sache, dass ich ihn schon mal vorher in Berlin getroffen habe. Wir haben geredet und er hat mir über seinen Youtube-Channel erzählt, was ich aber damals noch nicht so richtig verstanden habe. Jetzt wo ich ihn in Berlin noch mal auf dem Konzert getroffen habe, hat er mir so richtig seine Geschichte erzählt und ein Video gezeigt, wo er noch ganz normal war und mit Capo von den Azzlacks gerappt hat. In Offenbach haben sie zusammen ein Video gedreht. Dann ist er von Offenbach zurückgefahren und da ist der Unfall passiert, was ihn zu dieser Behinderung gebracht hat.

Ehrlich, das hat mich zu krass gecatched, weil ich das Bild gesehen hab, wie er vorher war. Er war ein gut aussehender und top frischer und motivierter Junge. Aber seine Motivation starb nicht durch seine Behinderung! Dass der noch immer weiter macht ist krass! Viele würden nach so einem Schicksalsschlag resignieren, aber nicht er!  Er hat die Eier noch weiter zu rappen!

Ganz nach deinem Motto „Die Welt gehört dir“ und mach das Beste aus dem was du hast, egal wie scheisse es ist!

Absolut richtig! Alter er hustlet auch richtig und geht auf jeden zu und sagt was Sache ist. „Alter so und so sieht’s aus, so ist meine Story, was geht ab?“, und davor habe ich krassen Respekt. Er hat mehr Eier in der Hose als einen Großteil der anderen Rapper.

Was meine gemeinnützigen Sachen angehen: ich gucke einfach, wo ich helfen kann. Das war auch schon damals so. Ich hab das nie so offen nach außen kommuniziert. Jetzt hat sich aber einiges geändert und manchmal bringt es viel, etwas Gutes nach außen zu tragen. Ich habe die Reichweite und Leute, die mir zuhören. Das kann man für was Gutes nutzen. Deswegen möchte ich jetzt auch erwähnen, dass wir gerade dabei sind, das erste Waisenhaus in einem Flüchtlingslager im Nahen Osten zu erbauen, nämlich im größten Flüchtlingslager vor Ort im Irak. Das Flüchtlingslager ist mittlerweile so riesig geworden, dass da unmenschliche Zustände herrschen. Das Lager ist wegen des Elends zu einer großen Stadt geworden ohne Recht und Ordnung. Die Frauen und Kinder leiden am krassesten darunter. Sie werden vergewaltigt und zu Sexsklaven gemacht. Keiner ist da, der auf sie aufpasst. Es gibt keine Polizei oder Ordnungskräfte in dem Flüchtlingslager und deswegen müssen wir da ein Waisenhaus bauen, um den schwächsten und den hilflosesten unter den Hilflosen zu helfen. Wir machen das mit „Our Bridge“ zusammen. Es handelt sich dabei um eine Non-Politic-Organization, die sich da seit Jahren nur um die Waisenkinder kümmert. Wir benötigen da so viel Hilfe wie es geht.  Daher werden wir ein Benefizkonzert mit namenhaften Sängern und Rappern aus Deutschland im Februar in Berlin veranstalten. Die genauen Daten kommen da noch.

Dankeschön für die Info und in dem Zusammenhang habe ich auch gelesen, dass du auf das Flüchtlingslager in Bergheim aufmerksam gemacht hast, damit die Leute da tatkräftig helfen. Du bist ja selber auch als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Wie ist es da für dich? Hast du da einen direkten Kontakt mit dieser Thematik? Kennst du womöglich sogar selbst Flüchtlinge?

Xatar: Ja, meine Mutter macht seit 20 Jahren Flüchtlingsarbeit, lange bevor jetzt diese Welle hier losging und das so öffentlich wurde. Deswegen bin ich schon immer mit dem Thema vertraut gewesen und bin dafür sensibilisiert worden. Meine Schwester hilft meiner Mutter viel und durch beide bin ich jetzt auch in viele ihrer gemeinnützigen Hilfsprojekte involviert, die jetzt nicht in die Öffentlichkeit getragen werden, weil das bei einigen Aktionen auch nichts bringt. Wir haben sogar einige Flüchtlinge bei uns zu Hause aufgenommen und…

 

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Bei euch zu Hause?

Xatar: Ja, bei uns zu Hause haben wir auch welche. Sie kommen und gehen auch wieder. Außerdem haben wir selber Verwandte, die jetzt flüchten mussten – auch aus dem Irak – die jetzt hier sind. Sie sind in Flüchtlingsheimen, an die wir auch leider nicht rankommen, obwohl wir für alles sorgen könnten bei denen. Jedoch ist es alles ein bisschen schwer hier mit der Bürokratie, aber das ist auch normal bei den Kapazitäten, die da gesprengt wurden.

Nach deiner Erzählung mit dem Waisenhaus und deiner restlichen gemeinnützigen Tätigkeit erhält man das Gefühl, dass du ein moderner Robin Hood sein könntest, der wohl eine Menge Gold geraubt hat und dafür auch einsitzen musste, aber nun Gutes tut. In diesem Zusammenhang: hast du Narcos gesehen, die Serie über Pablo Escobar?

Xatar: Ja, ja klar.

Hat dir die Serie gefallen?

Xatar: Ich hab die nicht fertig gekuckt, die Zeit hatte ich leider noch nicht. Bisher habe ich nur vier Folgen geschaut, aber ich finde, dass die Serie krass produziert ist. Also ich achte sehr auf Bilder und die Produktion im Allgemeinen und die Serie ist erstklassig. Auf den Cast achte ich auch immer, besonders was so kriminelle Thematiken angehen. Narcos ist heftig gemacht und ich bin da total begeistert von der Serie.

Pablo Escobar besaß so viel Geld, dass er anfing den sozial schwachen Menschen zu helfen. Er baute Schulen, Krankenhauser und Wohnungen für die Ärmsten und sorgte sich um sie, weil er selbst dem Dreck entwuchs. Was für ein Gefühl hast du, wenn du dir jemanden wie Pablo Escobar anschaust? Er wurde von der Bevölkerung der Robin Hood Kolumbiens genannt und wurde vom Establishement für seine Brutalität gefürchtet.

Xatar: Ja ich sehe in ihm keinen größeren Verbrecher als in einem Obama oder einer Angela Merkel. Wenn unsere Regierung unter Merkel – und es ist egal, wer vorher an der Macht war – ständig Waffen an Saudi-Arabien verkauft, die dann damit Terroristen unterstützen (was jeder weiß, da dies auch kein Geheimnis ist), dann ist das für mich teilweise noch schlimmer als das, was Pablo Escobar gemacht hat. Also ich sehe da einen ganz normalen Typen, der mit Rohstoffen gehandelt hat Alter, der….

….der nichts hatte, und mit seinem Handel sehr reich wurde und dabei vielen Industriellen innerhalb der USA ein Dorn im Auge war, weil jährlich Millarden US-Doolar in seine Kassen strömten …

Xatar: ….genau ja, es gibt ’ne Menge Menschen wie Pablo Escobar, von denen wir nur nichts wissen. Die sind jetzt aber irgendwo Präsidenten oder Könige, die irgend so einen Scheiß machen. Da gibt’s ne Menge von ihnen, die durch Blut oder „illegale“ Sachen an die Macht gekommen sind. Aber wer entscheidet, dass etwas illegal ist? In dem einen Land ist Alkohol beispielsweise verboten und in einem anderen ist es nicht verboten. Ist jetzt der Typ, der im Land, wo Alkohol nicht verboten ist, im anderen Land moralisch gesehen ein Mafiosi und Schwerverbrecher? Es gibt kein Schwarz und Weiß und daher sehe ich auch keinen großen Unterschied zwischen den Politikern und Pablo Escobar.

Jedoch ist Angela Merkel – anders als ein Pablo Escobar – jüngst für den Friedensnobelpreis gehandelt worden, den Obama auch bekommen hat. (Xatar lacht) Du lachst jetzt. Belustigt dich die Tatsache, dass Obama den Friedensnobelpreis erhielt?

Xatar: Kuck mal, die Sache ist so: Ich verurteile diese Leute alle gar nicht. Ich sage nur, dass der eine ist nicht besser ist als der andere. Das einzige was mich so abfuckt ist diese heuchlerische Doppelmoral unserer Gesellschaft. Was jetzt den Friedensnobelpreis angeht … das interessiert mich ehrlich gesagt überhaupt nicht. Es ist ein Preis, der uns suggerieren soll, dass irgendein Typ für Frieden auf der Welt gesorgt hat, obwohl ich noch nie nachhaltigen Frieden gesehen hab. Aber scheiß auf den Friedensnobelspreis, es geht mir nur darum:

Kuck mal, ich weiß, dass die Welt nicht anders funktioniert als mit Gewalt und dadurch, dass jeder maßlos Geld haben will und diese Gier tief im Menschen steckt, versucht jeder, das Meiste für sich zu ergaunern. Dieser Egoismus sorgt dafür, dass es in Ordnung ist Leute wegzuknallen und halt Waffen zu verkaufen und Drogen usw. um die eigenen (staatlichen) Interessen zu wahren. Ich weiß wie das funktioniert, denn das ist genauso wie auf der Straße, denn so funktioniert die ganze Weltpolitik, die Erde und die Menschen. Aber dann sollen bitte die einen nicht so tun als wären sie immer die Guten und Korrekten, die Friedensnobelpreise annehmen und so tun als würden sie besser sein als die anderen, die dann gehängt werden in anderen Ländern, wenn sie mit ein bisschen Grass erwischt werden. Das ist das Einzige.

 

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Zum Ende des Interviews möchte ich noch ein musikalisches Thema ansprechen: Ssio veröffentlicht jetzt das nächste AON Projekt. Am 29. Januar erscheint sein neues Album 0,9. Was kannst du dazu sagen? Alle freuen sich darauf und Ssio scheint einer der beliebtesten und meistgefeierteten Rapper des Landes zu sein. Der altbekannte Ssio Humor trifft den Nerv der Zeit und auch raptechnisch treibt er den Puls der Rapfans in die Höhe. Zuletzt war er auf dem Track „Chronik III“ mit Kollegah und Karate Andi vertreten und hat dabei mit seinem krassen Flow den Beat zersägt. Was können wir also auf dem Album 0,9 erwarten?

Xatar: Genau das! Ich hab das Album gehört und bin bei der Produktion dabei gewesen und es ist der Wahnsinn Alter! Was soll ich da sagen Bruder? Bei jeder Line lache ich mich tot und ich kann mich nicht auf die nächste Line konzentrieren, weil ich immer noch über die davor lache. Eine Line ist krasser als die andere, die Punchlines fliegen nur so durch den Raum. Sein Flow ist geistesgestört. Dann die Beats Mann, Alter … Ssio hat mit Reef (unserem Produzenten) zwei Jahre nur an den Beats gesessen. Das ist echt heftig!

Er hat sich nach BB.U.M.SS.N. wirklich sehr lange Zeit gelassen.

Xatar: Ja, weil er auch die Zeit braucht! Es ist nicht so, dass er andere Sachen macht und rumchillt. Im Gegenteil, er braucht einfach lange um die Beats so zu produzieren, wie er sie gerne haben möchte. Ssio und Reaf haben bestimmt in den letzten zwei Jahren 350 Beats gemacht! Den letzten Beat für’s Album, den Ssio dann ausgesucht hat, haben sie letzte Woche produziert!

Letzte Woche?

Xatar: Ja man, so lange hat sich Ssio für das Feintuning Zeit gelassen!

Dann war er bis letzte Woche noch nicht fertig mit dem Album?

Xatar: Er war schon fertig, aber er hat viele Sachen dann noch mal geändert. Ssio ist der  Überperfektionist, aber das lohnt sich, weil du kannst dir sicher sein, dass das Album sehr heftig werden wird. Ich prophezeie dir jetzt schon, dass 0,9 eines der krassesten Hip-Hop Platten aller Zeiten wird.

Gold für Ssio? Alle würden es ihm gönnen.

Xatar: So Gott will.

Was steht denn sonst noch so an AON Projekten an? Wann kommt etwas neues von Ewa? Wann erscheint Kalims Album usw.? Also was kannst du denn noch am Ende des Interviews so preisgeben?

Xatar: Also 2016 wird sehr viel veröffentlicht. Im Januar steht erst einmal Ssio an. Schwesta Ewa bringt nächstes Jahr ihr zweites Album raus, Kalim veröffentlicht sein Debüt-Album. An der Kopfticker Records Front steht Plusmacher an. Sein Album erscheint Anfang Januar. Unser zweites Kopfticker-Signing kommt nächstes Jahr mit einem Mixtape und…

Kannst du da schon irgendeinen Tipp geben, wer das sein könnte. Handelt es sich um einen Newcomer oder kennt man die Person?

Xatar: Ich kann leider noch nichts sagen, aber die Infos kommen bald und es wird nächstes Jahr noch eine ganz große Sache passieren so Gott will.

Ich bedanke mich sehr herzlich für’s Interview.

Xatar: Ich danke dir Amir, mach’s gut.

 

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About the Author

Wer ist nur dieser Toni und was macht er eigentlich hier? Das haben sich mittlerweile bestimmt einige Lehrer, Professoren, Freunde und Kollegen im Laufe der Zeit das eine oder andere Mal gefragt. Ich bin ein leidenschaftlicher Schreiber, Blogger und Podcaster. Ein begeisterter Journalist, Filmkritiker, Poetry-Slammer und der kreative Kopf hinter 30Frames.de , fett oder?



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